Direkt vor den Toren Leipzigs vollzog sich einer der größten Landschaftswandel Europas. Riesige Braunkohlebagger gruben das Erdreich und ganze Dörfer um. Wer heute am Hainer See Urlaub macht, findet dort Ruhe und Natur. Einer der letzte aktive Tagebau in der Gegend ist aber nur 15 km entfernt. Ein Ausflug lohnt sich – denn 2035 soll auch dieser Tagebau stillgelegt werden.
Der Tagebau Vereinigtes Schleenhain ist heute einer der letzten aktiven Tagebaue im mitteldeutschen Braunkohlerevier – und damit ein Stück lebendige Geschichte des Leipziger Neuseenlands. Im Süden Leipzigs kann man die drei Abbaufeldern Schleenhain, Peres und Groitzscher Dreieck bestaunen. Das Besondere hier: Die Kohle lagert in vier verschiedenen Schichten im Erdreich – den sogenannten Flözen – und alle vier werden gleichzeitig gefördert. Das ist in ganz Mitteldeutschland einmalig!
Bis zu acht Großgeräte sind dafür im Einsatz. Schaufelrad- und Eimerkettenbagger holen jedes Jahr bis zu 10 Millionen Tonnen Rohbraunkohle ans Licht. Über eine Bandanlage gelangt die Braunkohle ins Kraftwerk Lippendorf – und wird dort nach 20 bis 45 Millionen in der Erde weiterverarbeitet. Das fossile Kraftwerk gilt als eines der modernsten in Europa und versorgt Leipzig mit Strom und Fernwärme.
Die drei Abbaufelder waren ursprünglich unabhängig und wurden erst 1999 zusammengelegt. Schleenhain ist das älteste Feld. Peres liegt weiter westlich. Seine Auskohlung war zwischenzeitlich sogar für ca. 20 Jahre ausgesetzt, wurde 2014/15 aber fortgesetzt. Das Groitzscher Dreieck im Südwesten war ebenfalls bereits stillgelegt – sollte aber ebenso weitergenutzt werden. Nach Verhandlungen zwischen der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (MIBRAG) und der Sächsischen Staatsregierung wurde beschlossen, dass die Pläne nicht weiterverfolgt werden. Das Dorf Pödelwitz kann dadurch bestehen bleiben. Am rekultivierten Abbaufeld befindet sich heute der Groitzscher See.
Der Hainer See – selbst ein ehemaliges Restloch des Tagebaus Witznitz – ist nur rund 15 km vom aktiven Tagebau entfernt.
Die Tagebaugruben lassen sich in einem Wanderweg ab Neukieritzsch umrunden – voraussichtlich noch bis 2035. Dann wird auch dieser Tagebau stillgelegt.
Die Wanderroute führt einem die gigantischen Ausmaße der Kohleabbaus erst richtig vor Augen. Verschiedene Aussichtspunkte zeigen ein beeindruckendes Tagebau-Panorama – ein eigenes Fernglas ist hier nicht schlecht. An manchen Aussichtspunkten erklären Infotafeln die Geschichte und Technik des Tagebaus. Die Geschichte des Leipziger Neuseenlands lässt sich auf diese Weise lebendig erwandern.
Das Kraftwerk Lippendorf liegt nur rund 20 Fahrminuten vom HAUS IM SCHILF entfernt. Schon aus weiter Ferne erkennt man es an den hohen Kühltürmen, die in den Himmel ragen. Als eines der modernsten Kohlekraftwerke Europas versorgt es drei Millionen Haushalte mit Strom und speist gleichzeitig Fernwärme ins Leipziger Fernwärmenetz ein.
Wer mehr wissen will, kann eine Führung im Kraftwerk buchen und so einen einzigartigen Blick auf Turbinenraum und Steuerungszentrale werfen. Für viele ein Highlight: Die Aussichtsplattform des Kesselhauses in 163 Metern Höhe. Von hier aus hat man einen phänomenalen Blick über das Leipziger Neuseenland und den Tagebau nebenan.
2035 soll das Kraftwerk stillgelegt werden. Doch schon heute entsteht etwas Neues. Wo früher der Tagebau Witznitz lag, entwickelt sich einer der größten Solarparks in Europa– und das nur wenige Kilometer vom Hainer See entfernt. Die Region hat damit nicht nur einen gewaltigen Wandel zu einem Erholungsgebiet durchlebt. Sie beweist auch, dass sie ihre Zukunft flexibel und kreativ neu ausrichten kann.
Der Tagebau Vereinigtes Schleenhain und das Kraftwerk Lippendorf sind Teil der Geschichte, die den Hainer See erst möglich gemacht hat. Orte wie Heuersdorf, Peres und Schleenhain erinnern uns daran, was hinter der heutigen Seenlandschaft steckt: Jahrzehnte der Umsiedlung, des Wandels und der Rekultivierung.
Wer im Hainer See badet, erlebt nur einen Katzensprung entfernt, wie sich eine ganze Region neu erfindet. Industrieller Wandel und die landschaftlichen Umwälzungen sieht man hier in Aktion. Dieser Kontrast macht das Neuseenland für uns so besonders.
Aktiver Tagebau, ein Kohlekraftwerk und ein Landschaft, die mit ihren Menschen und Dörfern einen tiefgreifenden Wandel durchlebt hat. Die Umgebung vom HAUS IM SCHILF hat viel zu erzählen. Wer sich für eine Kraftwerksführung oder einen Besuch beim Tagebau entschiedet, erlebt eine Region im größten Umbruch ihrer Geschichte – und das aus nächster Nähe.
Boris Janda ist einer der vier Betreiber des HAUS IM SCHILF. Seit den 90er Jahren kennt er den Hainer See – und damit auch die industrielle Vergangenheit, die diesen See erst entstehen ließ. Dass in der Nähe noch Kohle gefördert wird, ist für ihn das lebendige Zeugnis einer Region im Wandel.